Was ein Jahr mit KI im Arbeitsalltag geändert hat

Was ein Jahr mit KI im Arbeitsalltag geändert hat

- Matt

Vor drei Jahren habe ich hier über ChatGPT geschrieben und die Frage im Titel offen gelassen, ob das ein Hype sei. Zeit für eine ehrlichere Antwort, denn inzwischen benutze ich diese Werkzeuge täglich.

Wo es trägt

Am unstrittigsten ist alles, wo ich das Ergebnis sofort prüfen kann. Ein Regex, den ich sonst zusammengesucht hätte. Eine LINQ-Abfrage, die ich in Prosa beschreibe. Eine Fehlermeldung, zu der ich nicht einmal die richtigen Suchbegriffe kenne. Das sind Fälle mit kurzer Rückkopplung: Entweder es läuft oder nicht, und ich sehe es in zehn Sekunden.

Der zweite Bereich ist das Wegräumen von Fleißarbeit. Testdaten erzeugen, ein DTO in eine Entität überführen, eine Konfigurationsdatei nach demselben Muster für zwölf Umgebungen. Tätigkeiten, bei denen ich vorher konzentriert und trotzdem gelangweilt war.

Wo es kostet

Bei allem, was Kontext braucht, kippt das Verhältnis. Ein Vorschlag zu einer Architekturfrage klingt plausibel und ist es manchmal auch, aber die Prüfung dauert länger als das eigene Nachdenken. Bei einer Codebasis mit gewachsenen Eigenheiten ist das noch deutlicher, denn genau die Eigenheiten kennt das Modell nicht.

Der unangenehmste Effekt ist subtiler. Wenn ein Vorschlag zu 90 Prozent stimmt, prüft man die restlichen 10 Prozent schlechter, als wenn man alles selbst geschrieben hätte. Das ist kein Fehler des Werkzeugs, sondern einer der Aufmerksamkeit, und ich habe ihn ein paarmal bezahlt.

Was ich mir abgewöhnt habe

Modelle nach Fakten zu fragen, die ich nicht nachprüfen kann. Versionsnummern, Methodensignaturen, wann welches Feature erschienen ist. Das ist genau der Bereich, in dem eine falsche Antwort exakt so klingt wie eine richtige. Inzwischen schlage ich Signaturen in der Dokumentation nach und benutze das Modell für das, was drumherum passiert.

Ebenfalls abgewöhnt: lange Sitzungen. Nach einer halben Stunde Hin und Her ist der Kontext so vollgelaufen mit Zwischenständen, dass die Qualität sinkt. Neu anfangen mit einer sauberen Frage ist fast immer schneller.

Und der Hype?

Beides trifft zu. Die Werkzeuge sind nützlich, und das Marketing drumherum ist maßlos. Was mich rückblickend am meisten überrascht hat, ist nicht, was sie können, sondern wie schnell sich der Alltag darum herum umgebaut hat, ohne dass jemand eine Entscheidung getroffen hätte. Vor drei Jahren war es ein Experiment. Heute fällt es auf, wenn es fehlt.