Gesehen: The Menu

Gesehen: The Menu

- Matt

The Menu lief seit Mitte November im Kino, jetzt endlich gesehen. Ein junges Paar reist auf eine abgelegene Insel, um im exklusiven Restaurant Hawthorn zu essen. Zwölf Gäste, ein berühmter Küchenchef und ein Menü, für das man andernorts einen Gebrauchtwagen bekäme. Mehr sollte man über die Handlung von The Menu vorher eigentlich nicht wissen.

Der Film von Mark Mylod beginnt wie eine Satire auf Fine Dining und die Menschen, die aus einem Abendessen eine Prüfung machen. Tyler fotografiert jeden Teller, kennt jede Technik und spricht über Zutaten, als müsse er sich damit Zutritt zu einer höheren Gesellschaftsschicht verdienen. Seine Begleitung Margot interessiert das alles deutlich weniger. Genau dieser Abstand macht sie zur interessantesten Person im Raum.

Horror, der seine Pointen kennt

The Menu wird als Horrorkomödie bezeichnet, aber beide Hälften sind ungewöhnlich trocken. Der Film baut kaum auf klassische Schockmomente. Sein Unbehagen entsteht aus der perfekten Organisation: Das Personal bewegt sich synchron, jeder Gang folgt einem Plan und Küchenchef Slowik muss nur einmal in die Hände klatschen, damit der ganze Raum verstummt.

Ralph Fiennes spielt ihn nicht als tobenden Bösewicht. Slowik ist ruhig, höflich und vollständig von seiner eigenen Inszenierung überzeugt. Das ist wesentlich unangenehmer. Gleichzeitig bleibt der Film komisch, weil die Gäste selbst dann noch über Präsentation und Handwerk sprechen, als längst klar ist, dass dieser Abend nicht mehr nach den üblichen Regeln verläuft.

Die Mischung funktioniert, weil der Film seine Figuren nicht mit langen Vorgeschichten erklärt. Ein wohlhabendes Ehepaar, eine Restaurantkritikerin, ein Filmstar, drei junge Finanzleute: Wenige Sätze reichen, um zu verstehen, warum diese Menschen eingeladen wurden und was sie für Slowik repräsentieren. Sie sind bewusst etwas größer gezeichnet als echte Menschen, aber nie so überdreht, dass die Spannung verschwindet.

Wenn Genuss zur Statusfrage wird

Unter dem Thriller steckt eine ziemlich direkte Satire auf Arbeit, Konsum und Exklusivität. Die Gäste bezahlen nicht nur für Essen. Sie bezahlen dafür, zu den wenigen zu gehören, die es essen dürfen. Das Personal wiederum hat aus Hingabe längst Selbstaufgabe gemacht. Auf beiden Seiten geht es kaum noch um Geschmack.

Besonders gut ist, dass The Menu dabei nicht so tut, als sei teures Essen grundsätzlich lächerlich. Slowik kann offensichtlich kochen, und der Film nimmt Handwerk ernst. Seine Wut richtet sich gegen das System, das aus Können eine Dienstleistung für Menschen gemacht hat, die alles bewerten, sammeln oder als Statussymbol benutzen. Nur ist er selbst so sehr Teil dieses Systems geworden, dass er keine Freude mehr darin findet.

Margot durchschaut als Einzige, dass die sorgfältig geplante Aufführung eine Schwachstelle hat: Der Gastgeber möchte nicht bloß gefürchtet werden. Er möchte verstanden werden. Das gibt dem letzten Drittel mehr als nur eine clevere Auflösung. Es führt den Film zurück zu einer einfachen Frage: Wann hat jemand zuletzt etwas gemacht, weil ein anderer Mensch es wirklich haben wollte?

Präzise angerichtet

Visuell ist der Film fast ein Kammerspiel. Das Restaurant besteht aus klaren Linien, kalten Oberflächen und einer offenen Küche, in der es keinen privaten Moment gibt. Dagegen steht die dunkle Insel außerhalb der großen Fenster. Alles wirkt kontrolliert, bis diese Kontrolle langsam ihre Bedeutung verändert.

Anya Taylor-Joy hält die Geschichte zusammen, weil Margot weder ehrfürchtig noch besonders leichtsinnig ist. Nicholas Hoult spielt Tyler mit einer herrlich unangenehmen Begeisterung, und Hong Chau braucht als Restaurantleiterin oft nur einen Blick, um eine Szene zu gewinnen. Der Film dauert knapp zwei Stunden und weiß erfreulicherweise, dass seine Idee keine Serie und keinen dreistündigen Director’s Cut braucht.

Ähnlich wie bei The Sinner gilt: Wer das Genre erwartet, das auf der Verpackung steht, wird enttäuscht. Wer einen blutigen Horrorfilm erwartet, bekommt vermutlich zu wenig Horror. Wer nur eine bissige Komödie über reiche Menschen sehen möchte, wird von der Konsequenz des Abends überrascht. Als schwarzhumoriges Kammerspiel zwischen beiden Genres funktioniert The Menu aber sehr gut. Und es ist einer dieser Filme, nach denen ein ganz gewöhnliches Essen plötzlich wie die vernünftigste Sache der Welt wirkt.